
Paraclimbing entwickelt sich rasant. Was vor einigen Jahren noch eine vergleichsweise kleine internationale Wettkampfsparte war, ist inzwischen ein fester Bestandteil des Wettkampfsports. Bei der Weltmeisterschaft 2025 in Seoul gingen 188 Athletinnen und Athleten an den Start, beim Weltcup in Innsbruck letztes Jahr waren es sogar über 200 Starterinnen und Starter. Spätestens 2028 wird Paraclimbing noch stärker in den Fokus rücken; dann wird die Sportart Teil der Paralympischen Spiele.
Auch in Deutschland wächst die Struktur. Immer wieder lieferten die Athletinnen und Athleten des Nationalteams bei internationalen Wettkämpfen herausragende Leistungen ab, zuletzt 5 Medaillen und zwei WM-Titel in Seoul. Im letzten Jahr wurde zudem in Augsburg erstmals eine offene Deutsche Meisterschaft im Paraclimbing ausgetragen, nun folgte die zweite Auflage in Kempten. Mit dabei waren auch zwei Athleten aus Norddeutschland: Aldrik Bethke aus Oldenburg und Iman Edrisi aus Hannover.
Aldrik ist 28 Jahre alt und startet in der Kategorie AU3. „Das bedeutet, dass an meiner linken Hand vier Finger nicht vollständig ausgebildet sind. Um in dieser Kategorie anzutreten, müssen Teilnehmenden mindestens sechs Fingerglieder fehlen“, erklärt er.
Iman, 32 Jahre alt, startet für den AlpinClub Hannover und war in der Vergangenheit in der Kategorie RP3 unterwegs. Diese Kategorie umfasst Athletinnen und Athleten mit geringeren Einschränkungen im Bereich Beweglichkeit, Kraft oder Stabilität. 2021 gewann Iman in dieser Klasse Bronze beim IFSC Paraclimbing World Cup in Briançon und bei der Weltmeisterschaft in Moskau. Bei der Deutschen Meisterschaft 2026 wurde er jedoch nicht mehr klassifiziert. „Das war für mich sehr enttäuschend, besonders wegen meiner körperlichen Einschränkungen“, sagt er. Hier zeigen sich die strukturellen Defizite, die trotz der Entwicklungen der letzten Jahre noch an vielen Stellen vorhanden sind.

Iman auf dem Weg zum Top in der Qualifikation der Offenen Deutschen Meisterschaft Paraclimbing 2026
Foto: Xaver Quintus / DAV
Die Wege der beiden Athleten in den Klettersport könnten unterschiedlicher kaum sein. Aldrik entdeckte das Klettern und Bouldern 2017 zu Beginn seines Studiums für sich. Zum Wettkampfklettern kam er 2022 auf eher ungewöhnlichem Wege über seinen Social-Media-Algorithmus. Iman dagegen kletterte schon als Kind überall hinauf, auf Bäume oder sogar über das Fenster des zweistöckigen Hauses aufs Dach. Mit 14 Jahren kam er über seinen Cousin zum Klettern, seit 2008 trainiert er regelmäßig und lernte nach und nach den Wettkampfsport kennen. „Bis heute bin ich immer noch sehr motiviert, an Wettkämpfen teilzunehmen“, sagt er.
Diese Motivation zeigte sich auch in Kempten. Wie schon 2025 gewann er auch in diesem Jahr die offene Wertungsklasse bei der Deutschen Meisterschaft. Besonders bemerkenswert ist das, weil seine Vorbereitung alles andere als einfach war. Seit seinem Umzug nach Deutschland aus dem Iran fehlt ihm vor allem im Seilklettern häufig ein Trainingspartner. „In den letzten fünf Monaten vor dem DM-Wettkampf konnte ich maximal nur drei Klettersessions machen, und das auch nur Toprope. Den Rest meines Trainings habe ich Bouldern gewidmet.“ Trotz dieser schwierigen Voraussetzungen toppte er sowohl in der Qualifikation als auch im Finale seine Routen. „Ich war sehr zufrieden mit meiner Leistung“, sagt er.
Auch Aldrik konnte nahtlos an seine Leistung aus dem letzten Jahr anschließen. Er belegte in Kempten in einer kombinierten Wertung mit AU2 und internationalen Startern den dritten Platz und gewann damit wie im Jahr zuvor die deutsche AU3-Wertung. Auch international hat er sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt: Nach Platz 9 bei seinem Weltcup-Debüt in Innsbruck 2024 und Platz 6 in Arco folgten 2025 zwei fünfte Plätze bei den Weltcups in Salt Lake City und Innsbruck sowie Platz 6 bei der Weltmeisterschaft in Seoul. Auch er zog ein positives Fazit. „Im Grunde bin ich sehr zufrieden mit meiner Leistung. Durch den Wettkampf habe ich gesehen, wo ich stehe und an welchen Stellschrauben ich weiterarbeiten sollte.“

Aldrik beim Weltcup in Innsbruck 2025
Foto: Lena Drapella / IFSC
Eine Besonderheit des Paraclimbings ist, dass der Sport stark von individuellen Voraussetzungen geprägt ist. Die unterschiedlichen Kategorien stellen ganz unterschiedliche Anforderungen an Bewegung, Kraft und Technik. Iman beschreibt das so: „Jede Kategorie hat, abhängig von der jeweiligen körperlichen Einschränkung, ihre eigenen Trainingsformen und teilweise auch spezielle Ausrüstung.“ Auch Aldrik betont, wie individuell auch das Training geplant werden muss: „Wir müssen immer schauen, was die einzelnen Athletinnen und Athleten benötigen, da dies von den jeweiligen Einschränkungen abhängt. Entsprechend werden Übungen teilweise individuell angepasst.“
Neben den besonderen Anforderungen an das Training gibt es auch besondere Anforderungen an die Routen. Diese müssen möglichst fair für alle Athletinnen und Athleten einer Kategorie sein und oft auch über Kategorien hinweg funktionieren, da nicht für jede Kategorie getrennte Routen geschraubt werden können. Auch werden im Paraclimbing die Wettkampfrouten aus Sicherheitsgründen in allen Runden im Toprope und nicht im Vorstieg geklettert. Das stellt die Schrauberinnen und Schrauber vor ganz besondere Herausforderungen, welche sie allerdings in Kempten mit Bravour meisterten. Sowohl Aldrik als auch Iman lobten die Arbeit des Teams ausdrücklich.
Auch den Rest der Veranstaltung bewerteten beide Athleten sehr positiv. Aldrik sprach von einem „vollen Erfolg“: Der Ablauf sei reibungslos gewesen und die Location gut gewählt. Iman äußerte sich ähnlich, machte aber gleichzeitig auf einen Punkt aufmerksam, der aus norddeutscher Sicht wichtig ist: Beide bisherigen Deutschen Meisterschaften fanden – wie viele der nationalen Wettkämpfe – im Süden Deutschlands statt. Für Athletinnen und Athleten aus Norddeutschland bedeutet das lange Anreisen und zusätzlichen Aufwand.
Sportlich blicken beide weiter nach vorn. Aldrik möchte in dieser Saison bei einem internationalen Wettkampf aufs Podium klettern und gesund bleiben. Langfristig träumt er von einer Teilnahme an den Paralympischen Spielen. Iman möchte sich sportlich weiterentwickeln, Medaillen gewinnen, wieder Teil der Nationalmannschaft werden und mehr internationale Athletinnen und Athleten kennenlernen. Ihre Wünsche für die Zukunft des Paraclimbings zeigen aber auch, dass es um mehr als nur persönliche Ziele geht. Aldrik wünscht sich mehr Gleichstellung mit anderen Wettkampfkategorien, mehr Bekanntheit und bessere Rahmenbedingungen. „Außerdem hoffe ich, dass die Bekanntheit des Sports wächst und mehr Menschen mit Einschränkungen das Para-Klettern für sich entdecken.“ Iman formuliert es allgemeiner, aber genauso positiv: Er wünscht sich, dass alle im Paraclimbing ihre Ziele erreichen und erfolgreich werden.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Offenen Deutschen Meisterschaft Paraclimbing 2026
Foto: Xaver Quintus / DAV